DIE KUNST DES ERZÄHLENS

BUCH   BESPRECHUNGEN

Denken stört nicht!

Hier liegt ein Glücksfall seltener Art vor: Die ausgewiesene Dokumentaristin Wilma Kiener gibt ihre Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde in Buchform heraus. In »Die Kunst des Erzählens« verbinden sich praktische Erfahrung und theoretische Betrachtung. Danach sollte die klagende Feststellung »der Stand der -Dokumentarfilmtheorie geht mit der dokumentarischen Praxis nicht immer Hand in Hand« nicht mehr so scharf gelten, obwohl »die wenigsten Dokumentarfilmer am Lesen filmtheoretischer Abhandlungen Gefallen und Nutzen finden« -wie die Autorin vermerkt. Die zu Beginn sofort Ziele und Methoden ganz klar vorlegt, Zweideutigkeiten gründlich ausmerzt. Durch diese Arbeit wird die Anwendbarkeit literaturwissenschaftlicher Theorien auf den Film bewiesen - wenn man die Eigenarten des Films zuerst erkennt und dann berücksichtigt:

»Film stellt ein eigenständiges, von der Wortsprache unabhängiges semiotisches System dar.«     

Die meisten sogenannten Filmtheorien beziehen sich auf den Spielfilm, betrachten ihn allein, und bleiben trotz ihrer allgemeinen Ansprüche Teilwerk, oder sogar Sackgasse. Indem sie den Dokumentarfilm allgemeinen Analysenmethoden unterzieht, öffnet Wilma Kiener die Möglichkeit einer überordneten Sicht auf die Gesamtheit der Filmwerke. Vielleicht war dieser Weg nur für jemanden mit erhöhtem Bewußtsein gangbar, jemand der über alle Werkzeuge der akademischen Verfahrensweise sowie über alle Kenntnisse aus der Praxis verfügt.

Im Untertitel heißt das Buch »Narrativität in dokumentarischen und ethnographischen Filmen«. Die Praxis der Universität ist die Theorie anderer Bereiche. Die Filmpraxis behält Frau Dr. Kiener in klarer Übersicht und zersplittert sie nicht in Anekdoten. So vermag sie den ethnographischen Film als Beispiel zu behandeln, auf ihn als eine Kategorie des nicht-fiktionalen Films die- literaturwissenschaftliche Erzähltheorie zu erproben, ohne von ihrem (vorsichtigen) Leitprinzip »ethische und moralische Fragen der filmischen >Umsetzung< von Realität finden kaum Beachtung« abzuweichen. Allerdings bereitet die - angestrebte, bestrittene, behauptete -Wissenschaftlichkeit des ethnographischen Films Schwierigkeiten vor. Die ganze Methode von Frau Kiener beweist, wie fruchtbar es ist, die Betrachtung um eine Stufe zu verschieben. Also, wenn die Ethnographie eine Wissenschaft ist, wäre der wissenschaftliche Film zu untersuchen, wären seine Grundzüge und Grundbedingungen freizulegen. (Und inwiefern, in welchem Maß ist Ethnographie eine Wissenschaft im strengen Sinne des Wortes? Danach ließen sich wieder die nötigen Anpassungen vornehmen.) Das ginge aber über den Rahmen hinaus, wie er notwendigerweise für eine solche Arbeit festgelegt werden muß.

Wilma Kiener geht ihren Weg zielstrebig, und doch merkt man, wie häufig sie, über den Stoff stehend, links und rechts Ausblicke verteilt, die viel weiter zeigen. Man möchte sehr viel zitieren, das erfreulich genau trifft. Man möchte manchen Richtungshinweisen folgen (z.B. über Schnitt und Zeit, S. 163), einiges ausdiskutieren (ob Schnitt wirklich nur narrativ sei, S. 157-8), anderes mit Begeisterung ausbauen (das Primat der Gestaltung, S. 281).-

Aber die Begrenzung ist nutz- und sinnvoll. Und vorsichtig-bleibt Frau Kiener, indem sie den Begriff »Dokumentarfilm« nur umkreist, ihn sozusagen nur negativ definiert (S. 295). Daraus lassen sich aber keine (filmische) Normsprache, kein »Normalstil« ableiten. Bei diesem Punkt stützt sich Frau Kiener auf Roland Barthes und seinem seit 1953 Allgemeingut gewordenen Ausdruck »degré zero«. Warum aber »degree zero« schreiben, was auf keinem Fall verständlicher ist? Nun dem Verlag ein Vorwurf:

Der Text hätte ein sorgfältig(er)es Nachlesen verdient; er enthält zu viele kleine Irrtümer, besonders die zahlreichen fehlenden Kommata beeinträchtigen Verständnis und Genuß. Doch bildet die Lektüre des Buches eine anregende Anstrengung, die Auseinandersetzung mit ihm ist sichterweiternd, sinneröffnend; keiner darf befürchten, daß Denken die Berufsausübung verhindert! 

Philippe Dériaz    in „Professional : Production" Nr.132 / Oktober 1999 Eubuco-Verlag

Kunst des Erzählens im Film

Gemeinhin wird sowohl in der Alltagssprache als auch in der  wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Medienprodukten zwischen  fiktionalen, erfundenen Formen und dokumentarischen Formen unterschieden.  Während erstere der Phantasie eines oder mehrerer Autoren entspringen, wird  von letzteren behauptet, dass sie Realität darstellen oder wie im Falle von  Film, Fernsehen und Fotografie abbilden. Dabei wird häufigaußer Acht  gelassen, dass auch die vermeintliche dokumentarische Darstellung oder  Abbildung von Realität medial zugerichtet ist. Sie unterliegt nicht nur den  technischen Möglichkeiten und strukturellen Bedingungen des jeweiligen  Mediums, sondern auch den Bedingungen menschlichen -Mitteilens.  Zwar wird in den journalistischen Formen zwischen Kommentar, Bericht, Reportage  und anderen unterschieden, doch verknüpft sich die Darstellbarkeit von  Realität an die Fähigkeit des Erzählens - und das ist das Thema von WILMA  KIENER, selbst Dokumentar- filmerin. Die Kunst des Erzählens ist das  Ergebnis ihrer Bemüh- ungen, ihre filmische Arbeit auf eine wissenschaftliche  Basis zu stellen.

KIENER macht vehement darauf aufmerksam, dass der Modus des  Erzählens sowohl im dokumentarischen wie auch im ethnographischen Film ein  wesentliches Element ist. Sie begründet dies mit den generellen Mustern der  Welterfahrung, die nur erzählend kommuniziert werden können. Zum Schluss  ihres Kapitels ,,Erzählung und Welterfahrung" stellt sie fest: Man kann  davon ausgehen, dass, sobald menschliche Handlungen beziehungsweise Ereignisse  nachgezeichnet werden sollen, die narrative Struktur das wohl einzig  angemessene Instrument sowohl zur Darstellung wie auch zur Erklärung ist;  dies betrifft natürlich auch nicht-fiktive Repräsentationen und natürlich  auch den dokumentarischen Film (S.120). Ausgehend von dieser Grundeinsicht  stellt sie die Dokumentarfilmtheorie gewissermaßen auf die Füße.

Ausführlich setzt sich die Autorin mit der Erzählung „als  Gegenstand der Narratologie" auseinander, um dann das Erzählen im  dokumentarischen und ethnographischen Film unter dem Gesichtspunkt der  Erzähltechniken wie Zeit, Perspektive und Erzählerstimme zu analysieren.  Dabei zieht sie zahlreiche Beispiele heran. Bemerkenswert ist ihr Kapitel, das  die Frage behandelt, ob das Einnehmen einer Innenperspektive als Kennzeichen  für Fiktionalität gelten kann. Es wird deutlich, dass die Innenperspektive  sehr wohl eine Rolle im Dokumentarfilm spielt, aber vor allem „auf der  Bildebene im Stil der subjektiven-  Kamera und in Form von Gedanken- und Gefühlsäußerungen in Interviews  verwirklicht" wird (S.213). Wenn denn Dokumentarfilme auch von einer  Wirklichkeit erzählen, stellt sich die Frage nach der Stimme, dem Erzähler.  KIENER unterschei- det sieben Erzählertypen: der „nüchterne  Erzähler", der „expres- sive Erzähler", der „Reporter-Erzähler",  der „investigative Erzähler", der „Protagonisten- Erzähler",  der „autobiografische Erzähler" und der „fiktionalisierte  Erzähler" (S.239ff.).

Beim letzten Typ erscheint der Erzähler nicht mehr als Garant  der Authentizität, seine „Rolle" als Erzähler wird sicht- und  hörbar. Dadurch ändert sich auch das Verhältnis zum Publikum: „Bisher  konnte sich das Dokumentarfilmpublikum auf den Erzähler voll -verlassen.  Es vertraut dem guten Geschmack des Erzählers, seiner moralischen  Überlegenheit, seiner ‘höheren’ Bildung, seinem Sinn für Verantwortung,  seinem Gerechtigkeitssinn, seinen guten Sitten ganz allgemein. Man ist es eben  seit Jahrzehnten gewöhnt, dass die Dokumentarfilmer als ,Weltgewissen’  auftreten. Nun haben manche Filmemacher diesen Vertrag mit dem Publikum  aufgekündigt" (S.267). Vor allem von diesem Erzähler-Typus verspricht  sich die Autorin Innovationen für das dokumentarische Genre.

Abschließend spricht sich die Autorin für eine  ,vielstimmige’ Dokumentarfilmkultur aus und plädiert anschließend für  eine Inszenierung von Dokumentarfilmen, um die Kontrolle über die Ereignisse  vor der Kamera zu haben. Denn das „Rohmaterial Wirklichkeit bietet sich dem  Aufnahmeteam zur Gestaltung lediglich an, es ist jedoch nicht für den Film  gestaltet" (S.305). Letzteres muss das Filmteam realisieren - und in  einem „offenen" Dokumentar- filmkonzept ist das durchaus legitim.

Das Buch von WILMA KIENER stellt eine der interessantesten  Auseinandersetzungen mit dem dokumentarischen und ethnographischen Film dar,  die in den letzten Jahren erschienen sind. Vor allem ist es dazu angetan, die  Mär von der unverfälschten Abbildung der Realität, die  Dokumentarfilm-Puristen leider immer noch verbreiten, infrage zu stellen. Die  Kunst des Erzählens enthält auch für Medienpädagogen in der  schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit zahlreiche Anregungen, sich  dem Thema der erzählbaren Gestaltung von Wirklichkeit im Dokumentarfilm zu  widmen, und zwar jenseits platter-  Manipulations- vorwürfe. Ein wichtiges Buch.  

Lothar Mikos           

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